Ponka                                                   * 22. November .1992

Der kleinste Kampfhund der Welt

Da kam ein Anruf - meine ehemalige Kollegin fragt, ob ich in Stuttgart einen Mini-Hund, ein Chihua-hua-Mädchen, verkaufen könne oder wisse, wer so einen kleinen Hund nehmen würde. Nun, mir fällt eine Familie ein, deren Rehpinscherin kürzlich verstorben ist. Also Fahrt nach Wertheim und Blick auf - ja auf was? Die russisch-stämmigen Nachbarn haben Besuch aus Kasachstan und der hat 750 Gramm Hund mitgebracht, um für den möglichst hohen Erlös vielleicht ein Auto kaufen zu können. Der Besuch kommt auf die Terrasse und aus seiner Hemdtasche schaut ein winziger Kugelkopf mit großen Fledermausohren und glitzernd schwarzen riesigen Augen.

ca. 6 Monate

Dann wird das Persönchen auf den Boden gesetzt, meine Early kommt interessiert näher. Das winzige Wesen ist mehr an Menschen als an Hunde gewöhnt, aber augenblicklich von Early fasziniert.

Die Kleine "spricht" nur russisch. Welch ein Glück, daß ich einige Brocken kenne, so kann ich sie beruhigen. In meiner Hand zittert sie, wird aber bald still. Wir fahren zu den Bekannten und stellen Ponka vor. In die Familie ist zwischenzeitlich eine Katze eingezogen und außerdem möchte das Frauchen nach der geliebten Rehpinscherin keinen neuen Hund. Also Fehlschlag. Wieder zurück bei der Kollegin zieht es Ponka unwiderstehlich zu Early hin. Sie folgt ihr auf Schritt und Tritt während wir Kaffe trinken. Dann soll aufgebrochen werden.

Aber was ist das? Early kommt und will mit mir reden. Wir kennen uns so gut, daß ich fast gleich verstehe, was sie will. Und ich habe auch schon so etwas in der Art gedacht: Wo ein großer Hund satt wird, würde doch auch noch ein Winzling durchkommen. Und was wird aus dem kleinen Tier, wenn sich kein Käufer findet? Hals umdrehen und ins Gebüsch werfen? Oder würde das arme Tierchen nochmals 6000 KM zurück transportiert? Das wage ich zu bezweifeln. Also treten Early und ich in Verhandlung mit unseren Mitbewohnern, meinem Mann und meiner Mutter. Beide schwer dagegen. Die Kollegin unterstützt uns, sie hat großes Mitleid mit dem kleinen Hund. Sie beteiligt sich sogar an den stark heruntergehandelten Kaufpreis, nur damit das Tierchen in Sicherheit kommt.

Wir erzielen einen Kompromiß: Die Kleine kommt mit und ich werde versuchen, sie in Stuttgart zu verkaufen (denkste!). Nachdem ich sie bei der Vorstellung und der Autofahrt schon fast 4 Stunden auf dem Schoß hatte, hat sie mich schon um den Finger gewickelt, ich würde sie nicht mehr hergeben.

Wir werden uns handelseinig und steigen ins Auto. Early und ich (mit lebender Schoß-Auflage) hinten. Jetzt ist es der Kleinen doch etwas mulmig, sie zittert wieder. Ich versuche sie zu beruhigen und rede ihr gut zu. Es wird besser, aber nervös bleibt sie. Daheim angekommen ergeben sich gleich vielfältige Probleme. Ponka ist sehr mobil, springt problemlos auf Sessel oder Sofas und liebt Treppen. Aber genau an dem Punkt habe ich Angst: Wir haben ein Reihenhaus, Keller, Erdgeschoß mit Küche und Wohnzimmer, 1. Stock mit Bad und unseren Schlafzimmern (mein Mann schnarcht und ich wälze mich), 2. Stock mit dem Apartment meiner Mutter. Und durch das ganze Haus führt eine offene Treppe, zwar mit Teppich belegt, aber bei ihrer derzeitigen "Größe" könnte Ponka erhobenen Hauptes zwischen den Stufen durchgehen. Was also tun? Wir kaufen Netze, die man gegen Vögel über Obstbäume zieht und befestigen sie mit vielen, vielen Heftzwecken unter den Treppen. Macht das Haus zwar nicht schöner, aber irgendwie einzigartig (ist diese Wohngemeinschaft sowieso).

Ponka inspiziert unseren Garten - und ist gleich beim Nachbarn. Oh je. Da kommt Arbeit auf uns zu, am nächsten Werktag entern wir einen Baumarkt und kaufen diverse Rollen Zaun, 50 cm hoch für die Außenseiten, 1 m für den offenen Bereich zum Nachbarn. Dazu entsprechende Pfähle bzw. grüne Blumenstangen, die man gut durch die Zaunmaschen stecken kann. Dann der Aufbau. Der Handwerker in der Familie bin ich, mein Mann assistiert. Also bleibt die scheußliche Arbeit des Zaun-Einbaus in die stachelige Hecke an mir hängen. Noch Wochen später finde ich Stacheln in allen möglichen Körperteilen. Endlich ist der Garten "Ponka-fest".

Vorsichtshalber stellen wir die 750 Gramm mal unserem Tierarzt vor. Den beißt sie erst mal. Später haben wir festgestellt, daß sie immer dann nach ihm schnappt, wenn sie sich gut fühlt. Wenn ihr hingegen etwas fehlt, darf er problemlos untersuchen. Nun, bei der ersten Untersuchung stellt der Arzt fest, daß Ponkas Schwanz-Rest (man hat sie "coupiert" oder ihr vielmehr das winzige Schwänzchen abgehackt!!) also daß dieser Rest in sich nochmals gebrochen ist, es tut ihr auch weh, wenn man das Schwanzstümmelchen anfassen will. Erst nach mehreren Jahren hat sich das gefestigt und dann hat sie auch angefangen zu wedeln (sehr schnell, sieht einfach süß aus). Am rechten Hinterfüßchen hing ein Zehenglied nur noch in der Haut. Das mußte Weggeschnitten werden. Sie hat heute zwar einen etwas verkrüppelten 3-zehigen-Fuß, der sie aber kaum behindert, sie läuft und springt problemlos.

Sie ist ganz gut gewachsen, wiegt zwischenzeitlich 1,4 Kg, hat einen gesunden Appetit und behält trotz allem ihre absolute Traumfigur.

Early und ich gingen arbeiten - in ein Steuerberatungsbüro. Ponka blieb bei meiner Mutter. Diese hat sich innerhalb von Wochen um 180 Grad gedreht: erst war sie völlig gegen die Anschaffung von Ponka, dann war Ponka ihr ein und alles. Ich habe meine Mutter geliebt, sie ist 1996 gestorben, aber auch heute muß ich ihr noch den Vorwurf machen, daß sie Ponka zu einem aggressiven Hund gemacht hat - zum kleinsten Kampfhund der Welt. Sie hat das Mini-Vieh völlig frei auf allen Straßen neben sich her laufen lassen und wohl auch nicht verhindert, daß man Ponka anfaßte. Wie auch immer, jedenfalls ist sie heute leider ein Kampfhund. Vor allem, nachdem Early nicht mehr ist und sie auf ihre neue Freundin Alina "aufpassen" muß.

Ponka kam am 01.03.1993 im Alter von 4 Monaten zu uns. Nachdem sie etwa Jahr bei uns war, merkten wir, daß mit Early nicht mehr alles in Ordnung war, kurz gesagt, sie hatte Krebs. Sie hat noch weitere 1 Jahre gelebt und in dieser Zeit Ponka alles das beigebracht, von dem sie dachte, daß es nötig ist, um sich um "Herrchen", "Frauchen" und "Oma" zu kümmern. Ponka hat dieses Erbe nach besten Kräften anzutreten versucht.

Nachdem Early gestorben war, ist sie auf deren Sessel gesprungen, auf den sie sonst nie durfte, hat da zitternd gesessen und versucht, Earlys Platz auszufüllen.

Early und Ponka waren ein niedliches Gespann. Eines Tages habe ich beiden je eine kleine Kaustange gegeben. Early hatte die natürlich sofort auf. Ponka hätte mindestens 4 Wochen dafür gebraucht. Die beiden haben dann offensichtlich ein Geschäft gemacht: Early kriegt die Kaustange und Ponka darf dafür in Earlys Schwanz beißen. Als ich heimkam und meine Hunde begrüßte, war Earlys Schwanz richtig perforiert, die weißen Haare waren rot von ihrem Blut, so hatte das kleine Biest mit seinen Welpenzähnen den Schwanz malträtiert.

Ponka liebt fettes Fleisch. Am liebsten würde sie NUR Fett essen.

Es war sehr schwierig, Ponka an das Tragen eines Geschirres zu gewöhnen. An der Leine geht sie nur auf der rechten Seite, möglichst dicht an Häusern oder Zäunen.

Urlaub im Wohnwagen in Dänemark. Early zeigt Ponka alles notwendige. Sie kennt das ja. Weiß, wo man schnüffeln kann, wo die Hundetoillette ist. Das ist eine tolle Einrichtung, ca. 5 qm eingezäunt, schmaler, eingezäunter Zugang, Sandboden, 2 Pinkel-Bäume inder Mitte, Mülleimer und Schaufel für "Größeres". Die Hunde lieben diesen Platz, meist wartet schon der nächste, bis alles erledigt ist.

Ponka mit Herrchen

Ponka hat auch eine Ahnentafel, in Russisch

Wir gehen Essen, es wird gegrillt. Die beiden bekommen riesige Knochen. Earlys Exemplar ist so groß wie ihr Kopf, Ponka könnte sich hinter ihrem verstecken. Die beiden liegen einträchtig unter dem Tisch und nagen.

Mein Mann, der zunächst strikt gegen Ponka war, ist später ihr ein und alles. Sie hat auch immer, wenn er bei uns, wir bei ihm oder gemeinsam unterwegs waren, auf seinem Schoß/Arm gesessen und bei ihm geschlafen. Und sie hat auch gewußt, daß er gestorben war, lange bevor ich die Mitteilung des Krankenhauses bekam und obwohl mehr als 400 KM zwischen ihr und ihm lagen. An diesem Abend kam sie beim Fernsehen zum ersten Mal auf meinen Schoß - sonst hatte sie immer nur neben mir gelegen.

Ja, das war schon ein Einschnitt in unserem Leben, auch wenn "Herrchen" schon einige Jahre nicht mehr mit uns zusammenlebte, er fehlt doch, wir vermissen ihn, vor allem Ponka.

Aber nachdem er nicht mehr ist, wurde Ponka endlich mein Hund, mit einigen Auswirkungen für Alina, denn jetzt verlangt sie ultimativ als erstes gestreichelt zu werden.

Ponka war nie ganz gesund, sie ist eben in jeder Hinsicht extrem, auch gesundheitlich. Sie hat immer irgend was. Inzwischen sind alle ihre Haarspitzen durch TA-Honorare vergoldet worden. Na, Ponka mag unser Auto, also kaufen wir eben kein neues.

Sie wird jetzt schon einige Jahre homöopathisch behandelt. Wir mußten uns einfach was einfallen lassen, unser Lieblingstierarzt ist nach Amerika ausgewandert und was ich sonst ausprobiert habe, hat mich nicht überzeugt. Bei 1,3 Kg Hund gleich die riesige Chemiekeule zu schwingen, finde ich unverantwortlich.

Gott sei Dank spricht sie auf die Tropfen an, ist weniger aggressiv, hat kaum noch Verdauungsprobleme, schreit nicht mehr bei jeder Gelegenheit, die Zahnfleischentzündung und der Zahnstein sind im Griff, sie ist wieder fröhlich und viel umgänglicher. Sicher ist noch nicht alles in Ordnung, aber wir arbeiten hoffnungsvoll daran.

Na, so ganz in Ordnung war es dann wirklich nicht, im Herbst 2002 mußte ihr der linke obere Eckzahn gezogen werden, schlimm vereitert. Muß schon länger gewesen sein - das kommt davon, wenn man noch nicht den richtigen Tierarzt gefunden hat. Jetzt sind wir zufrieden: für die sanften Dinge haben wir hier um die Ecke eine Ärztin, die sich sehr gut auf Homöopathie versteht und uns, wenn es größere Sachen sind, die mehr technische Ausrüstung benötigen, nach Ludwigsburg in die Tierklinik schickt. Alles gut abgedeckt und Ponka mag vor allem den TA, sie weiß eben, daß er den bösen Zahn gefunden und entfernt hat.

Anmerkung von Ponka: "Das war doch wohl nicht alles??? Diese Seite wird fortgesetzt!!!!"

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